Kapitel 1

 

Es ist Montag und wieder mal ist der Tag angebrochen, an dem ich die Ganztagsschicht habe. Müde öffne ich die Augen und versuche mit meiner rechten Hand den Wecker auszuschlagen. Piep Piep Piep.

Boa, dieser Ton ist echt zum Verrücktwerden! Erneut rudere ich mit der Hand und versuche das blöde Ding zu treffen. Wumm… Es scheppert laut, als er versehentlich den Abflug auf den Teppich macht. Genervt drehe ich mich auf die Seite und probiere, das immer noch laut läutende Ding, zu angeln.

„Mist!“, rufe ich aus, weil es misslingt.

Widerwillig drehe ich mich aus dem Bett und richte mich auf. Erst einmal richtig strecken - das tut gut. Als ich mich nun nach vorne beuge, um den verstummten Störenfried zu greifen, fallen meine zerzausten langen dunkelblonden Haare über meinen Kopf. Ich drücke die „Aus“-Taste, damit er in fünf Minuten nicht wieder losgeht und stelle ihn zurück auf seinen Platz. Jeder Morgen ist ungefähr so wie dieser. Das liegt wohl daran, dass ich ein Langschläfer bin und sechs Uhr einfach zu früh für mich ist. Gerädert werfe ich meine Haarpracht dahin, wo sie hingehört und strecke mich erneut. Der unvermeidliche Blick durch mein Zimmer lässt mich die Nase rümpfen. Es herrscht Chaos so weit das Auge reicht, denn überall liegen meine Sachen herum. Kleidung, Schuhe, Stifte, es ist ein wildes Durcheinander. Mein Zimmer in dieser Wohngemeinschaft misst gerade mal zehn Quadratmeter und meine Besitztümer sollten sich daher in Grenzen halten, dennoch sammelt sich so Allerlei an. Mein Bett mit der butterweichen Matratze ist gerade groß genug, um nicht herauszufallen und der braune zweiseitige Kleiderschrank fasst meine Klamotten nur, wenn ich sie reinzwänge. Aber das ist mir gleich. Ohne das Ganze weiter zu beachten, stehe ich auf, trotte zu meinem Klamottensammler rüber und nehme mir ein blaues T-Shirt sowie eine alte schwarze Hose heraus. Bei dem Versuch in das lange Hosenbein zu schlüpfen, trete ich auf etwas Spitzes und falle frontal auf meinen kleinen braunen Schreibtisch.

„Aua!“, schreie ich und gebe dem Ding einen Tritt. „So ein Scheiß! Der Tag fängt ja super an.“

Klopf klopf… hämmert es an der Tür. Es kann niemand anderes sein als meine kecke Mitbewohnerin Linsay.

„Herein!“, rufe ich und wundere mich, dass sie schon wach ist. Wir arbeiten zusammen auf einem Pferdehof und vertreten uns einmal wöchentlich gegenseitig. Heute ist ihr freier Tag.

„Guten Morgen Nina! Alles klar bei dir?“, fragt sie mich sobald sie durch die halb geöffnete Tür schauen kann.

„Na klar, ich bin bloß gestolpert“, äußere ich und trete an sie heran.

Linsay blickt mich mit ihren schönen, rehbraunen Augen wissend an und lächelt.

„Ja ja, dein Lieblingstag.“

„So ist es“, gebe ich zu und lächle ebenfalls.

Es ist wirklich schwer, bei ihrer fröhlichen Art, schlecht gelaunt zu bleiben. Linsay ist ein unglaublich netter, zuvorkommender Mensch und in den dreieinhalb Monaten, die wir jetzt zusammen leben, haben wir uns nicht einmal gestritten. Ihre langen braunen Haare wippen, als sie sich hüpfend zu ihrer Zimmertür bewegt.

„Einen schönen Tag wünsche ich dir“, sagt sie und verschwindet lachend in ihr Reich.

Mürrisch gehe ich in das kleine Badezimmer zu meiner Linken und beschließe, mich doch noch einmal zu entkleiden, um mich frisch zu machen. Das Bad ist mit einer klitzekleinen Dusche ausgestattet, in der man beim Einseifen aufpassen muss, sich nicht die Ellenbogen an den Fliesenwänden zu stoßen. Sie besteht aus drei Mauern und nur nach vorne hin gibt es eine Schiebetür, die ordentlich quietscht, wenn man es wagt sie zu öffnen oder zu schließen. Ich stelle mich der Gefahr und springe in die Duschwanne. Dann nehme ich die Brause vom Duschpaneel und warte, bis das kalte Nass dem warmen weicht. Plötzlich schießt mir eiskaltes Wasser ins Gesicht und ich schreie auf. Hüpfend versuche ich den umher wirbelnden Schlauch einzufangen, um der eiskalten Wasserschlacht ein Ende zu bereiten. Nachdem ich das Dilemma in den Griff bekommen habe, will ich ein trockenes Handtuch vom Haken, außerhalb der Folterkammer, ergattern. Stürmisch öffne ich die quietschende Tür, während ich aus Wut die Brause aus meiner Hand gleiten lasse. Böser Fehler, denn diese schlägt geradewegs auf meinen Fuß. Schmerzerfüllt ziehe ich mein Bein nach oben, dabei rutsche ich nach hinten aus und fliege im hohen Bogen aus der Wanne, direkt auf das dünne Handtuch am Boden. Ein dumpfer Laut ertönt, als ich aufschlage. „Aua, das tut weh. Was zum Teufel ist heute Morgen mit mir los?“

Ich befreie mich aus meiner verzwickten Situation, richte mich auf und schaue in den kleinen Spiegel über dem Waschbecken. Mit meinen hellblauen Augen sehe ich, dass meine linke Wange, auf die ich gefallen bin, gerötet ist und meine blonden Haare wild in alle Richtungen hängen. Diese bändige ich schnell mit einer Bürste und binde sie in ein Haargummi.

Ich beschließe, mich jetzt nicht weiter mit der tückischen Zusammenführung der einzelnen Paneelteile zu befassen und ignoriere die Überflutung des Fußbodens. Dann bewege ich mich humpelnd in Richtung Küche. Während ich mir einen Tee zubereite, hoffe ich inständig, dass mein Kontingent an weiteren Malheuren für heute erschöpft ist. Die Tasse stelle ich auf den kleinen Tresen, der die Küchenzeile vom Wohnzimmer trennt und stopfe eine Scheibe Brot in den Toaster. Derweilen schaue ich mich um. Linsay hat wohl gestern Abend den Geschirrspüler eingeräumt, denn um mich herum ist es erschreckend sauber.

Nach der leckeren Nutellazufuhr schnappe ich mir die Autoschlüssel von meinem kleinen weißen Opel und verlasse die Wohnung, um zur Arbeit zu fahren.

 

Kapitel 8

 

Die letzten zwei Tage waren ein einziges Gefühlschaos. Pausenlos denke ich an den Ausritt und wie peinlich berührt ich mich seitdem fühle. Nach dem Tag bin ich Pedro erst einmal wieder begegnet. Sofort bin ich errötet und habe mich in der Futterkammer versteckt. „Warum ist mir das bloß so unangenehm?“ Aber noch viel dringender möchte ich wissen, was das zu bedeuten hat. Ich kann ihn noch nicht mal ausstehen… oder doch? Selbst wenn, würde es nie tiefgründiger werden. Dass es schief geht, Privates und Berufliches zu vermischen, ist ja allseits bekannt und am Ende stehe ich noch als Arbeitslose da. Nein, danke!

Linsay und ich sind gerade in einem riesigen Einkaufscenter in Playa del Ingles unterwegs. Ab und zu gönnen wir uns mal den Luxus, fahren hierher und erkunden die unzähligen Läden, die wir vorfinden. Ob Restaurants, Schmuck-, Souvenir-, Klamotten- und Schuhläden oder auch zu späterer Stunde die Discos mit Tanzmusik, es gibt einfach alles.

Vom leckeren chinesischen Buffet gestärkt, schlendern wir nun durch die Passagen.

„Das Wetter ist herrlich heute“, stellt Linsay fest.

Sie hat recht, es sind fünfundzwanzig Grad und die leichte Brise, die vom Meer zu spüren ist, umstreicht unsere Körper auf eine sehr angenehme Art und Weise. Entspannt laufen wir an einem Schmuckladen vorbei.

„Da hast du recht“, stimme ich ihr zu. „Wenn ich nicht noch arbeiten müsste, könnten wir an den Strand gehen.“ Mit einem Seufzer schaue ich mir die Schilder in dem Schaufenster an. Ich habe überhaupt keine Lust, in einer Stunde zum Pferdehof zu fahren. Eigentlich sind vier Stunden Arbeit ein Klacks, doch das muntert mich gerade auch nicht auf.

„Lass uns mal reingehen“, sagt Linsay und zieht an meinem Arm. Ich habe gar nicht gemerkt, dass sie stehen geblieben ist.

„Hast du schon wieder etwas gesehen?“ Genervt folge ich ihr. Typisch Linsay - so gut wie jedes Mal kauft sie sich in diesem Geschäft etwas, verliert dann das Teil oder der Schmuck geht kaputt. Sie hat einfach das Talent dafür, Dinge zu verlieren.

„Guck mal, so eine schöne Kette“, schwärmt sie und lässt das Schmuckstück vor meiner Nase baumeln.

„Sie sieht wirklich schick aus“, bestätige ich und schaue selbst ein wenig umher.

Überall stehen Schilder mit 50% Ermäßigung. Das ist aber nur eine Marketingstrategie, damit die Urlauber glauben, ein Schnäppchen gemacht zu haben. Ich kaufe so gut wie nie etwas, weil ich ein Problem mit dem unechten Material habe. Meine Haut besteht auf echtes Silber, ansonsten müsste ich Rötung und Juckreiz ertragen.

Linsay steckt sich den bezahlten Armreif an und wir verlassen den Laden.

„Wollen wir noch eine Fanta trinken, bevor ich los muss?“, frage ich und steuere gleichzeitig auf eine kleine Bar zu.

„Na klar.“ Linsay lässt sich auf einen Stuhl nieder. Der Barkeeper kommt angesaust und wir bestellen. Shoppen macht eindeutig durstig.

Nachdem unser Getränk angekommen ist, nehme ich einen großen Schluck. Wohlig läuft mir das kühle Nass die Kehle herunter. Gerade als ich die Fanta abstellen will, ertönt eine bekannte Stimme zu meiner Linken.

„Hallo Nina.“ Vor Schreck zucke ich zusammen.

Pedro lächelt mich freudig an. Ich versuche eher reserviert rüberzukommen und setze ein künstliches Lächeln auf. Dann begrüße ich ihn mit einem Nicken.

„Warum so schreckhaft an so einem schönen Tag?“ Er feixt sich eins, das ist nicht zu übersehen.

„Du hast mich halt erschreckt.“ Abweisend blicke ich geradeaus und zucke mit den Schultern. „Ob er mir die kühle Art abnimmt?

Anscheinend nicht, denn er streckt mir seine Hand entgegen. Da ich nicht zu unhöflich sein will, erwidere ich den Gruß. Er lässt meine Hand nicht mehr los und führt sie zu seinem Mund. Dann haucht er sanft einen Kuss auf meinen Handrücken. Ein Schauer durchfährt mich. Allein durch diese kleine Geste hat er mich in Aufruhr versetzt. „Was ist nur mit mir los?“

Ich spüre, wie ich rot werde und springe, etwas stürmischer als geplant, auf. Dadurch rutscht der Stuhl nicht nach hinten, sondern verhakt sich am Tischbein. Panisch bemerke ich, dass ich das Gleichgewicht verliere und nach links in Pedros Richtung falle. „Nein.“

Ich falle auf die linke Armlehne. „Aaaa.“ Dann knalle ich mit dem Stuhl auf den Boden, genau vor Pedros Füße.

Da er meine Hand noch fest in seinem Griff hat, mildert es dezent meinen Absturz. „Peinlich.“ Am liebsten würde ich im Boden versinken.

Alle Anwesenden schauen perplex und starren mich an. Pedro reagiert schnell und zieht mich nach oben, bis ich wieder auf den Füßen stehe.

„Alles ok?“ Er hält mich weiterhin umklammert. Da meine Fingerknochen von dem Ruck schmerzen, versuche ich mich seiner Berührung zu entziehen. Endlich lässt er los. Er hält meine Hand viel zu lange in der seinen.

„Ja, geht schon“, antworte ich verlegen.

„Wirklich? Das sah böse aus“, hakt Linsay nach und begutachtet mich mit großen Augen.

"Alles ok, lass uns gehen.“ Verwirrt schnappe ich mir meine Tasche und laufe los. Ich will schnellstens hier weg. „Kann es noch peinlicher werden?“

Nach ein paar Schritten sehe ich mich um. Linsay ist direkt hinter mir und Pedro stellt gerade den Stuhl wieder auf.

„Ist wirklich alles ok? Soll ich dich nicht lieber nach Hause fahren? Du siehst nicht ganz fit aus“, sagt Linsay besorgt. Pedro starrt uns hinterher.

„Nein nein, ich fahre zur Arbeit“, sage ich und stolziere los. Sie folgt mir in Richtung Parkplatz.

„Ob ich so cool wirke, wie ich möchte? Zum wiederholten Male frage ich mich, wie ich so tollpatschig sein kann und dann auch noch vor ihm. „Das ist so unangenehm.“

Als wir um die Ecke biegen, bleibe ich stehen. Linsay schaut mich fragend an.

„Hast du dir doch weh getan?“ Besorgt sieht sie mich an. „Verdammt, ja.“ Ich bin so blöd umgeknickt, dass mein Knöchel schmerzt. Nur mit Mühe kann ich aufrecht gehen.

„Ja, mein Knöchel tut ziemlich weh“, gebe ich zu. „Lass uns zu den Autos gehen.“ Ich ignoriere den Schmerz und humpele den weiteren Weg.

„Soll ich dir helfen?“

„Geht schon.“ Nach ein paar Metern kann ich mich endlich ins Auto setzen.

„Scheiße, war das peinlich“, sage ich laut und lege mein Gesicht in die Hände. Linsay steht an der Fahrertür.

„Ach, Quatsch. So schlimm war es auch wieder nicht“, versucht sie mich aufzumuntern und grinst.

„Ich habe mich total blamiert.“ Kopfschüttelnd lasse ich die Szene Revue passieren.

„Was interessiert es dich, was er denkt? Du magst ihn doch nicht mal, also mach dir keinen Kopf.“ Sie tätschelt meine Schulter.

Ein paar Sekunden herrscht Stille.

Dann fängt Linsay an, aus dem Nichts heraus zu lachen. Nicht so ein niedliches kleines Quieken… nein – sie krümmt sich und lacht sich fast tot.

„Bist du von Sinnen?“ Erschrocken starre ich sie an. Aber so ernst meine ich es nicht, denn ein Grinsen verzerrt meine Wangen.

„Du hättest dich sehen müssen“, gackert sie und zeigt mit dem Finger auf mich. „Holt sie überhaupt noch Luft?“

Jetzt kann ich es mir auch nicht mehr verkneifen und lache ebenfalls. Wenn ich daran denke, wie ich ausgesehen haben muss, mit meinen weit aufgerissenen Augen und dem panischen Blick, ist es doch ziemlich lustig gewesen. Wir lachen beide noch eine Weile, bevor ich es schaffe loszufahren.


 Kapitel 11

 

Nachdem ich schön lange ausgeschlafen habe, liege ich jetzt auf dem Sofa und schaue mir einen Film an. Die Gardinen habe ich zugezogen und alle Türen, durch die Licht rein strömt, geschlossen. Der Film „Signs“ ist einer meiner Lieblingsfilme. Normalerweise schaue ich ihn mir im Dunkeln an - aber schummrig tut es auch. Mitten in der spannenden Szene, in der Mel Gibson mit seiner Taschenlampe durch das Maisfeld leuchtet, reißt Linsay die Tür auf und lässt mich zusammenzucken. „Um Gottes Willen!“

Mit der rechten Hand fasse ich mir ans Herz und atme tief durch.

„Muss das sein?“, frage ich vorwurfsvoll.

Sie kommt gerade von der Arbeit und sieht genervt aus.

„Du schläfst doch nicht, also stell dich nicht so an!“, entgegnet sie mürrisch.

„Hier wohnen noch mehr Leute“, stelle ich fest. Die Frau von nebenan hatte mich vor einiger Zeit schon einmal darauf angesprochen, dass hier des Öfteren die Türen zu laut knallen. Es scheint Linsay nicht zu stören.

„Was ist denn los?“, hake ich nach.

„Martinez ist heute echt schlecht gelaunt, geh ihm lieber aus dem Weg“, erklärt sie, während sie ihre Handtasche fallen lässt und sich zu mir auf das Sofa wirft.

„Na toll!“ Selbst mit einer normalen Gemütsverfassung ist es nicht schön, ihm zu begegnen, aber mit schlechter Laune, ist es der Horror. Egal, Martinez beklagt sich sowieso am laufenden Band. In seinen Augen ist man zu langsam, zu schnell, zu unordentlich oder zu ordentlich. Die Liste ist lang. Ich schnaufe laut. Nichtsdestotrotz werde ich es über mich ergehen lassen müssen.

„Wie war dein Abend mit Pedro?“, fragt Linsay nun interessiert und bringt mich damit in die Gegenwart zurück. Sie war gestern Abend schon im Bett gewesen und ist heute Morgen gleich zur Arbeit gefahren, deswegen haben wir uns noch nicht gesehen.

„Es war sehr schön. Pedro war charmant und sehr zuvorkommend“, kläre ich sie auf.

„Habt ihr euch geküsst?“ Erwartungsvoll sieht sie mich an. Ich schaffe nicht, mich zusammenzureißen und muss grinsen.

„Jaaa“, jubelt sie. Ihre Laune ändert sich auf einen Schlag.

„Es gab nur einen Abschiedskuss auf die Wange“, sage ich, um ihre Annahme zu zerschlagen.

„Warum, wollte er nicht?“ Ungeduldig starren ihre braunen Augen mich an. „Erzähl schon!“ Ihr Ellenbogen rammt meine Seite.

„Aua.“ Ich halte mir die schmerzende Stelle und erzähle ihr die ganze Geschichte.

„Ich fühle mich zu ihm hingezogen, aber darf es nicht zulassen. Dennoch reagiert mein Körper so stark auf ihn, dass ich mich nicht dagegen wehren kann. Er hätte alles mit mir machen können.“

„Oh Mann! Das nenne ich mal eine Zwickmühle“, sagt sie und schmeißt sich zurück in die Kissen.

„Du sagst es. Was soll ich denn jetzt tun?“ Überfordert schaue ich sie an.

„Das ist eine gute Frage.“ Sie reibt sich am Kinn. „Martinez würde ausrasten, wenn er davon erfährt. Wahrscheinlich würde er dir sofort kündigen, du kennst ihn ja“, sagt sie und macht eine kurze Pause. „Das wird nicht nur zur Folge haben, dass ich mehr arbeiten muss, sondern auch, dass du die Miete nicht mehr bezahlen kannst. Was machen wir dann bloß?“

Linsay merkt gar nicht, wie sie mich mit ihren Worten in Panik versetzt. Erst als sie mich anschaut, erschrickt sie.

„Oh, tut mir leid, ich will dir keine Angst machen.“ Sie breitet die Arme aus und umschließt meinen Oberkörper.

„Was hast du denn jetzt vor?“, fragt sie.

„Ich werde Pedro sagen, dass wir uns nicht wiedersehen können.“ Entschlossen richte ich mich auf. Genauso mache ich es, wenn ich ihn das nächste Mal sehe. Nur wegen irgendeiner Affäre meine Zukunft auf dieser Insel in Gefahr bringen?

Auf keinen Fall. Ich werde seinem Charme standhalten und nicht wieder in die Versuchung kommen, ihn küssen zu wollen.

 

Während den zwei Stunden, die ich schon bei der Arbeit verbringe, denke ich mir Taktiken aus, um Pedro auf Abstand zu halten. Trotzdem bin ich mir immer noch unsicher, was ich zu ihm sagen soll. Die ganze Zeit hoffe ich, dass er heute nicht auf den Hof kommt.

Da habe ich wohl umsonst gehofft, denn keine zehn Minuten später kommt er auf den Hof geschlendert. Erst beim zweiten Blick erkenne ich den kleinen Blumenstrauß in seiner Hand. „Soll der etwa für mich sein?“

Als er mich entdeckt, grinst er sofort und steuert auf mich zu. „Oh nein, was mache ich denn jetzt?“

Suchend schaue ich mich um, doch was will ich eigentlich finden? Panisch werfe ich den Besen gegen die weiße Stallmauer und laufe auf ihn zu. In Höhe der Sattelkammer treffen wir aufeinander. Ich packe ihn am Arm und zerre ihn hinein.

„Du bringst mir Blumen mit?“ Entsetzt starre ich ihn an. Ich werde wütend, weil er das auf dem Hof, in aller Öffentlichkeit macht. Als er meine weit aufgerissenen, zornigen Augen bemerkt, vergeht ihm sein Grinsen. Unsicher schaut er mich an und sofort bereue ich, ihn so hart angefahren zu haben.

„Ich arbeite hier… Martinez wird mich feuern“, erkläre ich beschwichtigend.

„Du hast recht, es tut mir leid, daran habe ich nicht gedacht.“ Betreten sieht er zur Seite.

Ich nutze die Gelegenheit, um das Gespräch zu beenden. Stolz, dass ich nicht eine Sekunde daran gedacht habe, ihn zu küssen, wende ich mich zum Gehen. Doch weit komme ich nicht, denn Pedro packt meinen Arm und zieht mich zurück. Überrumpelt stolpere ich in seine Richtung, während ich mich drehe, um nicht zu fallen. Dann pralle ich frontal gegen seinen durchtrainierten Bizeps und stoße dabei einen Seufzer aus. Zwischen unseren Körpern ist nicht mal mehr ein Quäntchen Luft. Ich lehne an seiner Brust und sehe überrascht zu ihm auf. Er hat während meiner Drehung sofort reagiert und von meinem Arm abgelassen, um mich mit beiden Händen an den Hüften zu stützen. „Seine Hände auf meinen Hüften!“ Eine Gänsehaut läuft meinen Rücken herunter. Zeitgleich nehme ich sein Aftershave wahr und sofort macht sich ein Ziehen zwischen meinen Beinen breit. Unglaublich, was dieser Mann für eine Wirkung auf mich hat. „Stoß ihn weg!“

Ich kann nicht, wie erstarrt sehe ich in seine funkelnden Augen. Langsam beugt er sich zu mir hinunter, während er mich mit seinem Blick hypnotisiert. Mit den Händen drückt er meinen Hintern eng zu sich heran. Dadurch spüre ich seine harte Erregung, die sich an seine Jeans drückt. Ich stöhne auf, denn ein unwillkommenes Aufflackern von Lust strömt durch meinen Körper. Wehren kann ich mich nicht, es ist, als wäre ich gefesselt. Sein Mund ist nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt, automatisch senke ich die Lider und öffne meinen Mund. Ich warte… Dann treffen seine warmen Lippen sanft auf meine. Erst küsst Pedro mich zögernd, doch beim erneuten Aufeinandertreffen erhöht er den Druck. Schon diese kleine Zärtlichkeit lässt meine Mitte in Flammen stehen. „Das kann nicht wahr sein!“

Wieder stöhne ich und schmiege mich an ihn. Ich will ihn noch näher fühlen. Es ist, als wäre ich ferngesteuert, meine Hand gleitet in seinen Nacken, dann fasse ich in seine Haare und kralle mich fest. Pedro stöhnt auf. Mit einem Mal hebt er mich an, dreht uns herum und drückt meinen Körper an die Wand. Ich spüre den harten Beton in meinem Rücken, als er sich fordernd zwischen meine Beine drängelt und mich mit Zunge küsst. Ich atme stoßweise und mein Puls rast. Von seinen einnehmenden Küssen kann ich nicht genug bekommen. „Ich will ihn ganz!“ Seine harte Erregung drückt bei seinen rhythmischen Bewegungen immer wieder gegen meine Schamlippen. „Oh Gott! Wie sehr wünsche ich mir gerade, nackt zu sein.“

Alles um mich herum ist in Vergessenheit geraten, erst als ich Martinez höre, werde ich in die Gegenwart zurück katapultiert.

„Wo ist Nina?“, fragt er jemanden.

Ruckartig stoße ich Pedro von mir. Irritiert starre ich ihn an. „Was zum Teufel macht er mit mir?“

Er steht einen Meter von mir entfernt und schaut mich lüstern an. Sein Atem geht stoßweise, genau wie meiner. Seine Aufmerksamkeit gilt der rosa Haut meiner Lippen, die er gerade geküsst hat. Ich spüre, dass sie geschwollen sind.

„Wo ist sie bloß?“, höre ich Martinez wieder.

Schnell ziehe ich mein Zopfgummi heraus, um meine zerzausten Haare glatt zu streichen und ordentlich zu verstauen. Dabei wende ich den Blick nicht von Pedro ab. Er sagt nichts. Gehetzt ziehe ich mein T-Shirt gerade und gehe ohne ein weiteres Wort ins Freie.

Aufgewühlt laufe ich zu dem Besen, den ich vorhin gegen die Mauer gelehnt habe. Ich umschließe ihn mit meiner Hand und laufe zum gegenüberliegenden Stalltrakt, um dort zu fegen. Ich brauche dringend etwas Abstand zwischen mir und Pedro und vor allem brauche ich Zeit, mich zu beruhigen bis Martinez mich entdeckt.

 

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